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Heimatfreund: Der Reiterstein von Zscherben

An der Wand der Zscherbener Dorfkirche findet sich ein geheimnisvoller Stein mit einem mysteriösen Reiter. Was hat es mit dieser Darstellung des sog. Reitersteins von Zscherben auf sich? Lokalhistoriker Mike Leske geht dieser Frage in der aktuellen Ausgabe vom Heimatfreund nach.

Abb. 1: Die St.-Cyriakus-Kirche in Zscherben von Norden. Foto: Höhne 2015, S. 820


Die Ortschaft Zscherben zählt 1314 Einwohner (Stand 31. Dezember 2018) und ist bereits 2005 der Einheitsgemeinde Teutschenthal beigetreten. Neolithische und eisenzeitliche Funde belegen zumindest eine phasenweise vorgeschichtliche Besiedlung der Gemarkung.
Schwierig wird es bezüglich der Ersterwähnung des Ortes. Das im Hersfelder Zehntverzeichnis im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts genannte „Scirbina“ ist mit hoher Sicherheit dem 1950 nach Geusa eingemeindeten und seit 2010 zu Merseburg gehörenden Ortsteil Zscherben zuzuschreiben. Die Erwähnung als „Crimini“ (nach anderen Cirmini) erscheint in der Chronik des Merseburger Bischofs Thietmar von 1012/1018 und bezieht sich in erster Linie auf den Tod des Magdeburger Erzbischofs Adalbert. Dieser war am 20. Juni des Jahres 981 auf einer Durchreise hinter dem Dorf auf dem Pferd zusammengesackt und kurz darauf verstorben. Welches „Zscherben“ sich hinter dieser Nennung verbirgt, kann nicht mit letzter Gewissheit entschieden werden. Beide Orte beanspruchen diese urkundliche Erwähnung heute für sich. Die 1000-Jahrfeier der Teutschenthaler Ortschaft Zscherben von 1981 bezog sich gar auf dieses Ereignis.
Gemein ist beiden Dörfern der slawische Ursprung, welcher sich im Ortsnamen widerspiegelt. Mit der Bestätigung von Rechten und Besitzungen an das Kloster Neuwerk bei Halle in „Scirewin (auch Scirwene)“ 1182 durch Erzbischof Wichmann ist erstmals eine gesicherte Erwähnung Zscherbens bei Teutschenthal überliefert. Spätere urkundliche Nennungen wie Scerbben (1202) und Schirbin (1244) lassen sich dagegen aufgrund der Ähnlichkeit beider Ortsnamenformen wieder schwerer zuordnen. Im 16. Jahrhundert erscheinen beide Dörfer als „Tscherben„. Weitere Namensformen waren im Laufe der Jahrhunderte
 

Abb. 2: Die Südwestecke des Kirchenschiffes mit dem eingemauerten Reiterstein. Foto: Höhne 2015, S. 821

Die St.-Cyriacus-Kirche in der Ortsmitte ist das älteste erhaltene Gebäude des Dorfes (Abb. 1). Vermutlich geht sie auf eine Gründung des Kloster Memleben zurück, welches hier bis 1250 ebenfalls über zahlreiche Güter verfügte und im Dorf auch einen Wirtschaftshof unterhielt. An den spätmittelalterlichen Saalbau fügt sich an dessen Westseite ein eingezogener viereckiger Glockenturm mit Zwiebeldach an. Die Jahreszahl 1713 über der Turmpforte verweist auf dessen Erbauung im frühen 18. Jahrhundert. Vor der Kirche befinden sich noch einige beachtliche, leider aber auch teilweise bereits stark verwitterte barocke Grabsteine. Am gotisch-barocken Bau selber sind keinerlei Spuren zu finden, die auf einen Vorgängerbau hinweisen. Ob sich die 1292 erwähnte „Pfarrkirche“ an gleicher Stelle befand, scheint daher durchaus zweifelhaft. Die beiden 1939 beim Kiesabbau entdeckten Bestattungen eines hochmittelalterlichen Reihengräberfeldes lassen einen ersten Sakralbau am westlichen Ortsrand vermuten. Viel älter als die bestehende Kirche ist einzig ein in der südwestlichen Ecke des Schiffes eingemauertes hochmittelalterliches Relief (Abb. 2).

Abb. 3: Der Reiterstein von Zscherben (aufrecht gedreht). Foto: Leske, Dezember 2016

Dieser spätromanische Bildstein ist in Zweitverwendung zu sehen und wurde in der Kirchenschiffsmauer fern seiner ursprünglichen Bedeutung als einfacher Eckquader verbaut. Er zeigt in tiefer Ausarbeitung einen auf einem Tier (Pferd?) sitzenden Reiter (Ritter?), der einen Kegelhelm zu tragen scheint. Mit einer Hand streckt er ein Schwert in die Höhe. Über der Darstellung erhebt sich ein Stabkreuz auf einem symbolisierten Golgota-Hügel. Beidseitig wird der Kreuzschaft von ornamentalem rollwerkartigem Rankenwerk flankiert (Abb. 3 und 4). Die als „Reiterstein von Zscherben“ bezeichnete Tafel misst 1,20 x 0,65 Meter und liegt auf der Seite, so dass das Gesicht des Reiters nach unten zeigt. Diese Behandlungsweise könnte als absichtliche Herabwürdigung gedeutet werden, wobei allerdings ältere Grab- oder Gedenksteine nicht selten pietätlos sekundär Verwendung in Neubauten fanden. Die Sage, der Stein erinnere an einen Reiter, welcher im Dreißigjährigen Krieg in die Kirche einreiten wollte und sich dabei zur Strafe für diese Sünde den Kopf einrannte, kann durch die Forschung widerlegt werden. In der aktuellsten Deutung geht Dr. Dirk Höhne von einer ursprünglichen Funktion als Grabplatte aus, die für eine höhergestellte adlige Person vorgesehen war. Die geringen Abmaße lassen dabei die Bestattung eines Kindes oder sehr jungen Jugendlichen vermuten.

Abb. 4: Skizze des Zscherbener Reitersteins. Bild: Schultze-Galléra, S. 119

Eine ähnliche Reiter- bzw. Ritterdarstellung findet sich auf einem Brakteaten (einseitig geprägte mittelalterliche Münze) aus der Zeit Albrechts des Bären (um 1100­-1170). In Verbindung mit vergleichbaren Steinmetzarbeiten auf denen Stabkreuze abgebildet sind, ist eine Entstehung der Bildtafel im 12. Jahrhundert anzunehmen. Obwohl der Reiterstein nicht zwangsläufig mit der Cyriacuskirche in Zusammenhang stehen muss, ist er zumindest als Hinweis auf einen Friedhof anzusehen, der seinerzeit generell mit einem Sakralbau verbunden war. Der Reiterstein von Zscherben ist ein seltenes Zeugnis der hiesigen ländlichen hochmittelalterlichen Steinmetzkunst. Um die Bildtafel dauerhaft für die Nachwelt erhalten zu können, ist dringend eine Sicherung vor Witterungseinflüssen von Nöten!

Mike Leske

(Stand: 8. Februar 2019)
Literatur und Quellen
 

  • Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen-Anhalt II, Regierungsbezirke Halle und Dessau, 1999.
  • Dirk Höhne: Die romanischen Dorfkirchen des Saalkreises. Eine baugeschichtliche Untersuchung, Halle 2015.
  • Siegmar von Schultze-Galléra, Wanderungen durch den Saalkreis, Neuauflage Halle 2006.
  • Walther Schulz: Der Reiterstein von Zscherben, Saalkreis, und weitere dörfliche Steinmetzarbeiten des hohen Mittelalters im nördlichen Elb-Saale-Gebiet. In: Jahresschrift zur mitteldeutschen Vorgeschichte Bd. 50, Seite 307­320, Halle 1966.
  • https://saalekreis.im-bild.org/fotos/gedenksteine-staetten/1000-jahre-zscherben, Zugriff am 08.02.2019

 

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